{"id":170,"date":"2021-12-10T12:07:00","date_gmt":"2021-12-10T11:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/hardyfunk.de\/?p=170"},"modified":"2022-12-11T01:38:09","modified_gmt":"2022-12-11T00:38:09","slug":"warum-es-bigott-ist-bei-gorillas-zu-bestellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hardyfunk.de\/?p=170","title":{"rendered":"Warum es bigott ist, bei Gorillas zu bestellen"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr Gleichberechtigung sein, gegen Rassismus \u2013 aber kein Problem damit haben, sich Eink\u00e4ufe in Minutenschnelle liefern zu lassen. Das geht f\u00fcr mich nicht zusammen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Klar: Ich bestelle auch ab und zu eine Pizza oder ein Buch. Gerade w\u00e4hrend der Pandemie. Tats\u00e4chlich aber nicht bei Lieferando oder Amazon \u2013 die Probleme sind bekannt. Lieferdienste wie Gorillas, Flink oder Getir treiben das Prinzip aber auf die Spitze und wollen &#8220;in wenigen Minuten&#8221; (Flink), &#8220;in zehn Minuten&#8221; (Gorillas bisher) oder &#8220;in Minuten&#8221; (Gorillas neuerdings) an der Wohnungst\u00fcr sein. Ernsthaft? In der Zeit soll ein &#8220;Picker&#8221; den Einkauf zusammensuchen und einpacken, ein &#8220;Rider&#8221; vom Lager zur Wohnungst\u00fcr hetzen? In welcher existentiellen Lebenssituation muss man sein, dass die Lieferung des Einkaufs oder Essens nicht locker eine halbe Stunde Zeit hat? Aber vor allem: Wem bitte erschlie\u00dft sich nicht sofort, dass dieses Minuten-Versprechen die Arbeiter*innen unter einen krassen Zeitdruck setzen? Wer m\u00f6chte selbst so arbeiten \u2013 und, falls die Antwort lautet: &#8220;Ich nicht&#8221;, warum mutet man es anderen zu?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auf dem Klassen-Auge blind<\/h2>\n\n\n\n<p>Was mich besonders irritiert: In meinem Umfeld sind es durchaus konsumbewusste, linksliberale, &#8220;woke&#8221; Menschen, die kein Problem mit dieser Art&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/arbeit\/2021-12\/oliver-nachtwey-klassengesellschaft-arbeiterklasse\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">modernem Dienstbotentum haben, wie der Soziologe Oliver Nachtwey es nennt<\/a>. Man kauft im Bioladen ein oder zumindest die Bio-Produkte beim Discounter, spricht eine diskriminierungsfreie Sprache, akzeptiert jede Art von Sexualit\u00e4t und Beziehungsmodell, kauft Handys, M\u00f6bel und Klamotten Second Hand. Man ist gegen Rassismus, Sexismus und jede andere Form von Diskriminierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz: Man bem\u00fcht sich, soweit das im Privaten eben geht, ein m\u00f6glichst korrektes Leben zu f\u00fchren, das Kunstst\u00fcck vom richtigen Leben im falschen doch irgendwie hinzubekommen. Und hat dann aber kein Problem damit, v\u00f6llig ohne Not bei diesen Ausbeutungsw\u00f6lfen im Startup-Pelz zu bestellen. Der Blinde Fleck eigene Klasse? Wird, wie so oft, die \u00f6konomische Not ausgeblendet? Nicht nur Nachtwey, auch andere Armutsforscher sagen, viele Menschen \u00fcbersehen die Diskriminierung aufgrund der Lebensmodelle, die sie aufgrund ihrer Klassenzugeh\u00f6rigkeit als &#8220;normal&#8221; empfinden. Ja, man will noch nicht einmal wahrhaben, dass wir auch in Deutschland in einer Klassengesellschaft leben \u2013 obwohl deren Konturen immer st\u00e4rker hervortreten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ausfl\u00fcchte und Rechtfertigungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Als&nbsp;Rechtfertigung&nbsp;hei\u00dft es oft:&nbsp;Das seien f\u00fcr die Leute willkommene Kurzzeit- und Nebenjobs, eine&nbsp;unkomplizierte&nbsp;Art f\u00fcr&nbsp;Stundent*innen,&nbsp;Internationals&nbsp;und&nbsp;andere&nbsp;Geld zu verdienen.&nbsp;Mag sein, aber warum d\u00fcrfen diese niedrigschwelligen Jobs nicht auch einigerma\u00dfen entspannt sein? Warum m\u00fcssen es&nbsp;Shit Jobs&nbsp;sein, wie&nbsp;David&nbsp;Graeber&nbsp;sie genannt&nbsp;hat?&nbsp;Reicht es nicht, dass&nbsp;die Jobs schlecht bezahlt sind (10,50 Euro die Stunde sind es derzeit bei Gorillas)?<\/p>\n\n\n\n<p>Man wisse ja gar nicht, ob die Jobs wirklich so stressig und&nbsp;shitty&nbsp;sind, lautet eine weitere Ausflucht. Sp\u00e4testens seit den&nbsp;<a href=\"https:\/\/taz.de\/Arbeitskampf-bei-Lieferdienst-Gorillas\/!5774459\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00f6ffentlichkeitswirksamen&nbsp;Streiks der&nbsp;Berliner&nbsp;Gorillas-Belegschaft diesen Sommer<\/a>&nbsp;zieht dieses Argument aber nicht&nbsp;mehr.&nbsp;Schlechte Bezahlung, mangelnde Ausr\u00fcstung und Arbeitsschutz,&nbsp;unsichere Anstellungsverh\u00e4ltnisse waren&nbsp;einige der Vorw\u00fcrfe.&nbsp;\u00c4hnliches&nbsp;bei&nbsp;Lieferando:&nbsp;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/LandoCollective\/status\/1468235390792486915\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">15 Euro Stundenlohn,&nbsp;gutes&nbsp;&nbsp;Equipment&nbsp;und Respekt lauten hier die Forderungen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen den&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wirtschaft-verantwortung\/es-ist-gut-dass-das-arbeitsgericht-gorillas-in-die-schranken-weist-li.195388\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">vehementen und arbeitsrechtlich&nbsp;zweifelhaften&nbsp;Widerstand des Managements<\/a>&nbsp;haben&nbsp;die Gorillas-Arbeiter zuletzt einen Betriebsrat durchgesetzt. Und was macht&nbsp;der Lieferdienst?&nbsp;<a href=\"https:\/\/t3n.de\/news\/gorillas-franchise-betriebsrat-unterlaufen-1427762\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00dcberlegt,&nbsp;jedes Lagerzentrum als Franchise auszugliedern&nbsp;\u2013 sodass&nbsp;dann&nbsp;in jedem Lagerzentrum ein Betriebsrat erk\u00e4mpft werden m\u00fcsste<\/a>.&nbsp;Wenn es noch einen Beweis gebraucht hat, dass die ach so hippen Startups nicht weniger raubtierkapitalistisch agieren als gro\u00dfe Player wie Amazon,&nbsp;&nbsp;ist&nbsp;er jetzt da.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Verdr\u00e4ngtes Wissen um die Probleme<\/h2>\n\n\n\n<p>All das wei\u00df man nun, oder k\u00f6nnte es wissen \u2013 wenn man es denn wissen wollte. Und man&nbsp;h\u00e4tte&nbsp;es eigentlich von&nbsp;Beginn&nbsp;an&nbsp;ahnen&nbsp;k\u00f6nnen: Wenn der Weg vom Lager bis zur Haust\u00fcr in zehn Minuten kaum zu schaffen ist, welchen&nbsp;Arbeitsdruck haben die Fahrer*innen dann wohl? Wenn der Einkauf nicht wesentlich teurer ist als im Supermarkt, welchen Lohn bekommen die Arbeiter*innen dann wohl?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese leicht zu beantwortenden Fragen zeigen aber auch einen Ausweg aus dem Dilemma auf: Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Arbeitsschutz, Arbeiter*innenvertretungen, h\u00f6here L\u00f6hne. Das w\u00fcrde helfen, aus ausgebeuteten Dienstboten wenigstens Dienstboten zu machen, die ihren Job gern und mit einigem Stolz machen \u2013 und denen man an der Haust\u00fcr ohne Scham in die Augen schauen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Solidarit\u00e4t statt individueller Schuld<\/h2>\n\n\n\n<p>Denn nat\u00fcrlich kann es nicht darum gehen, einmal mehr die Verantwortung f\u00fcr strukturelle Probleme&nbsp;auf&nbsp;die individuellen Konsument*innen abzuwickeln. Gerade Familien, in denen beide verdienen (m\u00fcssen \u2013 aber auch wollen) und f\u00fcr die schon das Begriffspaar &#8220;Vereinbarkeit von Beruf und Familie&#8221; ein Hohn ist, werden oft genug regelrecht aufgerieben beim Versuch, Job, Kind, Haushalt und Zeit f\u00fcreinander unter einen Hut zu bringen. F\u00fcr viele w\u00e4re das schlicht nicht zu schaffen ohne ausgelagerte Bedienstete wie Putzfrauen,&nbsp;Erzieherinnen&nbsp;und eben Lieferboten aller Art. Gleichzeitig kann die L\u00f6sung nicht ein Zur\u00fcck zum Modell der Hausfrauenehe und des Gro\u00dffamilienhaushalts&nbsp;sein, in denen&nbsp;die Frau den Haushalt schmei\u00dft&nbsp;und Gro\u00dfeltern&nbsp;die Kinderbetreuung \u00fcbernehmen. Damit sich strukturell etwas \u00e4ndert, muss es aber erst ein Bewusstsein f\u00fcr das Problem geben. Deswegen sollten wir nicht l\u00e4nger wegschauen und verdr\u00e4ngen, uns nicht l\u00e4nger in Rechtfertigungen fl\u00fcchten. Sondern&nbsp;anerkennen, dass es problematisch ist, sich seinen Einkauf in wenigen Minuten liefern zu lassen. Und sich solidarisch zweigen mit den Arbeitsk\u00e4mpfen des modernen&nbsp;Dienstbotentums.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst am 10.12.2021 auf der BR Kulturb\u00fchne, die Ende 2022 eingestellt wurde.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Gleichberechtigung sein, gegen Rassismus \u2013 aber kein Problem damit haben, sich Eink\u00e4ufe in Minutenschnelle liefern zu lassen. 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