{"id":165,"date":"2019-12-10T16:37:00","date_gmt":"2019-12-10T15:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/hardyfunk.de\/?p=165"},"modified":"2022-12-11T02:01:34","modified_gmt":"2022-12-11T01:01:34","slug":"wann-sagen-sie-klimakrise-frau-miosga","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hardyfunk.de\/?p=165","title":{"rendered":"Wann sagen Sie &#8220;Klimakrise&#8221;, Frau Miosga?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klimawandel oder Klimakrise? Pr\u00e4sident oder Machthaber? Oft bestimmen schon einzelne Worte, wie wir die Welt sehen. Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga erz\u00e4hlt im Interview, wann sie welche Worte nutzt \u2013 und was sie bei einem Gute-Kita-Gesetz macht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Als Moderatorin der Tagesthemen spricht Caren Miosga jeden Tag zu \u00fcber zwei Millionen Menschen. Und pr\u00e4gt dabei auch unsere Sicht auf die Welt zu gro\u00dfen Teilen mit. Schon einzelne Worte k\u00f6nnen einen gro\u00dfen Unterschied machen, denn oft lenken Begriffe unsere Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung. <\/em><a href=\"https:\/\/www.br.de\/mediathek\/podcast\/nachtstudio\/die-macht-des-framing-wie-begriffe-unser-denken-und-handeln-leiten\/1787913\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Worte aktivieren sogenannte Frames<\/em><\/a><em>, Deutungsrahmen, die uns helfen, abstrakte Vorg\u00e4nge zu begreifen und einzuordnen. Hardy Funk hat mit Caren Miosga dar\u00fcber gesprochen, wie bewusst die Tagesthemen mit heiklen Begriffen umgehen, wie man PR-Gesetzesnamen wie dem Gute-Kita-Gesetz nicht auf den Leim geht \u2013 und wie es Journalisten und Journalistinnen \u00fcberhaupt vermeiden k\u00f6nnen, ungewolltes Framing zu betreiben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hardy Funk: Frau Miosga, der <\/strong><a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/environment\/2019\/may\/17\/why-the-guardian-is-changing-the-language-it-uses-about-the-environment\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>Guardian hat vor einiger Zeit beschlossenen<\/strong><\/a><strong>, statt wie bisher &#8220;Klimawandel&#8221; fortan von &#8220;Klimakrise&#8221; zu sprechen und von &#8220;Erderhitzung&#8221; statt &#8220;Erderw\u00e4rmung&#8221;. Wann w\u00e4re f\u00fcr die Tagesthemen der Punkt erreicht, wo sie diese Worte ebenfalls \u00fcberdenken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Caren Miosga: Ich habe auch schon &#8220;Klimakrise&#8221; und &#8220;Erderhitzung&#8221; gesagt. Aber wir haben da noch keine neue Definition getroffen in dem Sinne, dass wir gesagt haben, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, von dem an wir nur noch von &#8220;Krise&#8221; sprechen. Ich glaube, das liegt ein bisschen daran, dass &#8220;Klimawandel&#8221; zu unserem t\u00e4glichen Wortschatz geh\u00f6rt und die Wissenschaft ja auch von &#8220;Wandel&#8221; und &#8220;Erderw\u00e4rmung&#8221; spricht. Wir haben in der Redaktion dar\u00fcber geredet, denn wir haben nat\u00fcrlich auch zur Kenntnis genommen, dass der Guardian jetzt so verf\u00e4hrt. Und ich bin der Meinung, dass es richtig ist, immer mal wieder von &#8220;Klimakrise&#8221; zu sprechen. Denn es ist nat\u00fcrlich ein klarer Ausdruck dessen, dass sich die Lage versch\u00e4rft hat und dass man sie ernster nehmen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie gehen die Tagesthemen generell mit heiklen Begriffen um? Gibt es eine Art Leitfaden f\u00fcr Sprache oder ist das dem Sprachbewusstsein der Moderatoren und Moderatorinnen \u00fcberlassen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst einmal: Wer moderiert oder spricht, hat nat\u00fcrlich immer ein eigenes Bewusstsein f\u00fcr Sprache. Aber wir haben dar\u00fcber hinaus auch eine Art Leitfaden bei ARD Aktuell f\u00fcr Sprache, f\u00fcr die richtige Aussprache ausl\u00e4ndischer Namen, f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssige Dopplungen, die sich immer wieder in Meldungen oder Moderationen einschleichen. Dieser Leitfaden wird immer wieder aktualisiert, und jeder kann da auch etwas reinschreiben und nachsehen. Und bei aktuellen Ereignissen informieren wir uns auch gegenseitig, wie etwas auszusprechen ist und was m\u00f6glicherweise zu vermeiden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sind dort auch bestimmte Begriffe definiert? Etwa: Was ist ein Staatschef? Was ist ein Autokrat? Was ist ein Machthaber, was ein Diktator?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So etwas ist auch definiert. Und wenn wir aktuelle Ereignisse haben, dann wird der Leitfaden auch wieder aktualisiert, indem E-Mails rumgeschickt werden: Bitte erinnert euch, dass wir in dem Fall dieses oder jenes Wort benutzen. Bei Staats- und Regierungschef gibt es eine klare Definition. Aber es gibt auch Graubereiche wie bei den Worten &#8220;Autokrat&#8221; oder &#8220;Machthaber&#8221;. Da unterstellt man nat\u00fcrlich immer Illegitimit\u00e4t der Funktion und deswegen muss man es abw\u00e4gen: Sagt man &#8220;Pr\u00e4sident Assad&#8221; zu dem syrischen Pr\u00e4sidenten, oder sagt man &#8220;Machthaber Assad&#8221; oder &#8220;Autokrat Assad&#8221;? Das ist in den Nuancen nat\u00fcrlich ein inhaltlicher Unterschied. Wenn ich &#8220;Machthaber Assad&#8221; sage, dann schwingt dabei mit \u2013 und dann m\u00f6chte ich auch, dass dabei mitschwingt \u2013 , dass der Mann nicht auf komplett demokratisch legitimierten Wege gew\u00e4hlt worden ist. Wenn ich m\u00f6chte, dass das dabei herauskommt, w\u00e4hle ich dieses Wort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sie haben schon erw\u00e4hnt, dass Sie Begrifflichkeiten auch aktualisieren. Eine Sache, die sich in den Tagesthemen ge\u00e4ndert hat: Irgendwann war nur noch von der &#8220;Ehe f\u00fcr alle&#8221; die Rede \u2013 die davor immer &#8220;Homo Ehe&#8221; hie\u00df. K\u00f6nnen Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie das ge\u00e4ndert haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erinnere mich nicht daran. Ich erinnere mich nur, dass ich immer nur &#8220;Ehe f\u00fcr alle&#8221; gesagt habe. Wann war das denn, als man noch &#8220;Homo Ehe&#8221; gesagt hat?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Marcus Bornheim, der Chefredakteur von ARD-Aktuell, hat <\/strong><a href=\"https:\/\/uebermedien.de\/17088\/wie-aus-der-homo-ehe-die-ehe-fuer-alle-wurde\/\"><strong>gegen\u00fcber \u00dcbermedien mal gesagt<\/strong><\/a><strong>, dass das im Mai oder Juni 2017 gewesen sei. Da w\u00e4re &#8220;Ehe f\u00fcr alle&#8221; so im Sprachgebrauch drin gewesen, dass es auch f\u00fcr die Tagesschau und Tagesthemen okay gewesen sei, das zu \u00fcbernehmen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Okay, sehen Sie, das wei\u00df ich zum Beispiel gar nicht mehr. Es ist ja auch ein viel neutralerer Begriff als &#8220;Homo Ehe&#8221;. Insofern hat es sich irgendwann so sehr in den Sprachgebrauch hineingeschlichen, dass Sie jetzt an meiner Reaktion sehen, dass ich gar nicht mehr wusste, wann wir da \u00fcberhaupt einen Wechsel vorgenommen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Begriffe von Aktivisten sind ja das eine, \u00e4hnlich problematisch sind Begriffe von Politikern und Parteien. Wie gehen Sie mit Begriffen wie &#8220;Ankerzentrum&#8221; oder dem &#8220;Euro-Rettungsschirm&#8221; um? Die sind ja einerseits von Politikern gesetzt, andererseits bezeichnen sie auch konkrete Sachen, die halt so hei\u00dfen\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Begriffen, die Politiker einf\u00fchren, sind wir grunds\u00e4tzlich sensibel. &#8220;Ankerzentrum&#8221; ist ja eigentlich eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr &#8220;Zentrum f\u00fcr Ankunft, Entscheidung, R\u00fcckf\u00fchrung&#8221; \u2013 aber nat\u00fcrlich steckt da das Wort &#8220;Anker&#8221; drin, das wie &#8220;Hafen&#8221; klingt. Das ordne ich in den Moderationen \u2013 sofern ich die Zeit daf\u00fcr habe \u2013 auch genau so ein. &#8220;Euro-Rettungsschirm&#8221; ist auch ein ganz gutes Beispiel daf\u00fcr, wie schwer es ist, gegen euphemistische Begriffe anzugehen. Das ist ja ein sehr positiv besetzter Begriff, der suggeriert: &#8220;Wir retten euch!&#8221; Und gleichzeitig ist er nat\u00fcrlich sehr anschaulich. Und weil dieses ganze Procedere dahinter so hochkomplex ist und so schwer zu erkl\u00e4ren, ist es Journalisten fast unm\u00f6glich, daf\u00fcr st\u00e4ndig andere Begriffe zu benutzen oder es st\u00e4ndig zu erl\u00e4utern. Insofern ist das ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie sich Begriffe, die euphemistisch in Umlauf gebracht wurden, dann auch in den allgemeinen Sprachgebrauch einschleichen. Das ist schlicht ein eingef\u00fchrter Begriff, den wir so benutzen, wohlwissend, dass er nat\u00fcrlich mal anders gestartet ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Genau darauf scheinen auch <\/strong><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/aus-der-nachrichtenredaktion-warum-wir-nicht-vom-gute-kita.2852.de.html?dram:article_id=435624\"><strong>die neuen SPD-Gesetze wie das &#8220;Gute-Kita-Gesetz&#8221;<\/strong><\/a><strong> oder auch das &#8220;Geordnete-R\u00fcckkehr-Gesetz&#8221; von Horst Seehofer abzuzielen. Wie kommt man dem bei?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sind ja auch Begriffe, von denen sich die Politiker w\u00fcnschen, dass sie sich in den Sprachgebrauch einfleischen. Dass die Leute nur noch denken: Oh, wow, das ist ja dieses tolle &#8220;Gute-Kita-Gesetz&#8221; oder &#8220;Geordnete-R\u00fcckkehr-Gesetz&#8221;. Das muss man als Moderatorin nicht \u00fcbernehmen. Und wenn ich das benutzt habe, habe ich immer einen Beisatz gehabt, und gesagt: Naja, oft ist es so, wenn es so sch\u00f6n klingt, ist es meistens viel komplizierter, als man denkt. Um es so h\u00e4ufig wie m\u00f6glich zu entlarven.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Auch Donald Trump nutzt Sprache sehr bewusst und wohl auch \u00e4u\u00dferst effektiv. In der Diskussion um die Anschl\u00e4ge von El Paso und Dayton wurde deshalb auch Trump eine Mitschuld gegeben. Seine Worte h\u00e4tten den Hass gesch\u00fcrt, der sich dann in den Anschl\u00e4gen entlud. Wie gehen Sie mit \u00c4u\u00dferungen wie denen von Trump um?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Pr\u00e4sident Trump ist es ja fast so, dass es sich so sehr von alleine entlarvt, dass man es gar nicht mehr dechiffrieren muss als Journalist. Es ist ja f\u00fcr alle ersichtlich, dass er seine Sprache so klug einsetzt, dass sie sich fast verselbstst\u00e4ndigt. Er hat auf diversen Wahlkampfveranstaltungen so schlecht und so rassistisch \u00fcber Einwanderer gesprochen, dass die Antwort des Publikums war: Dann zieht jetzt Konsequenzen! Schickt sie wieder weg, erschie\u00dft sie doch! Und er hat das dann einfach so stehen gelassen, wohl wissend, was diese Worte anrichten. Hinterher zu sagen &#8220;meine Rhetorik f\u00fchrt die Leute zusammen&#8221;, entbehrte nicht einer gewissen Komik, wenn es nicht so zynisch w\u00e4re. Aber daran kann man sehen, wie klug Politiker Worte einsetzen k\u00f6nnen, um tats\u00e4chlich das Ziel zu erreichen, das sie im Auge haben. Donald Trump ist ja von Anfang an sein eigenes Marketingb\u00fcro, das im Grunde nur aus seinen zwei Fingern besteht, mit denen er twittert. Damit hat er wahnsinnig viel erreicht \u2013 allein mit Worten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Theorie des Framing besagt, dass, auch wenn man Begriffe in indirekter Rede wiedergibt \u2013 auch in Anf\u00fchrungszeichen oder mit einem &#8220;sogenannt&#8221; davor \u2013 trotzdem im Kopf die dazugeh\u00f6rigen Frames bzw. Bezugsrahmen aktiviert werden. Wie kann denn eine Nachrichtensendung damit umgehen und \u00fcber etwas berichten, ohne dabei wie zum Beispiel bei Trump dessen Worte zu wiederholen und damit dessen Bilder bei allen, die zuschauen, hervorzurufen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir k\u00f6nnen es nur immer wieder dechiffrieren oder darauf hinweisen, dass das Worte sind, die eingesetzt werden, um ein bestimmtes Framing in die Welt zu schicken. Es begegnet einem st\u00e4ndig und \u00fcberall. Allein das Wort &#8220;Grenzschutz&#8221;: Alle europ\u00e4ischen Politiker sprechen davon, die europ\u00e4ische Grenze sichern und sch\u00fctzen zu wollen. Und das ist nat\u00fcrlich etwas sehr Positives: Europa sch\u00fctzen. Man k\u00f6nnte aber auch aus Sicht derer, die nach Europa kommen wollen, sagen: Das ist kein Schutz, das ist eine Festung, das ist ein Hochsicherheitstrakt. Und so verh\u00e4lt es sich ganz h\u00e4ufig. Da sensibel zu sein und aufzupassen und so viel wie m\u00f6glich in eigenen Worten zu beschreiben, das ist eigentlich unsere wichtigste Aufgabe. Weil Framing eben tats\u00e4chlich etwas Unbewusstes ist, das sich jeden Tag aufs Neue ereignet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Das Interview erschien urspr\u00fcngliche am 10. September 2019 auf der (mittlerweile eingestellten) BR Kultur Website vom Bayerischen Rundfunk.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es wurde bereits am 09. August 2019 gef\u00fchrt f\u00fcr <\/em><a href=\"https:\/\/www.br.de\/mediathek\/podcast\/nachtstudio\/die-macht-des-framing-wie-begriffe-unser-denken-und-handeln-leiten\/1787913\"><em>die Nachtstudio-Sendung &#8220;Framing und die Macht der Sprache: Wie stark leiten Begriffe unser Denken und Handeln?&#8221;<\/em><\/a><em> auf Bayern 2. Daf\u00fcr habe ich auch mit S\u00f6ren Landmann gesprochen, Mit-Initiator der Intiative f\u00fcr die &#8220;Ehe f\u00fcr alle&#8221;, sowie mit dem Linguisten Bertram Scheufele und dem Blogger und Linguisten Martin Haase. Die Sendung <\/em><a href=\"https:\/\/www.br.de\/mediathek\/podcast\/nachtstudio\/die-macht-des-framing-wie-begriffe-unser-denken-und-handeln-leiten\/1787913\"><em>gibt es auch als Podcast<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klimawandel oder Klimakrise? Pr\u00e4sident oder Machthaber? Oft bestimmen schon einzelne Worte, wie wir die Welt sehen. 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